Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Moderatoren: Dr. Enrico Weller, Mario Weller

Antworten
DanielK
Beiträge: 3
Registriert: Fr 13. Mär 2026, 13:19

Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Beitrag von DanielK »

Hallo liebe Foren-Gemeinde,
ich wende mich heute mit einem echten Herzensprojekt an euch. Ich besitze seit mittlerweile 20 Jahren ein Julius Keilwerth Tenorsaxophon aus Graslitzer Produktion. Nach jahrelangem Dornröschenschlaf hat es nun begonnen, mein Interesse zu wecken. Ich bin mir sicher, dass durch die Hilfe der Schwarmintelligenz und das besondere Fachwissen der Mitglieder hier eine genaue Bestimmung dieses Instruments doch sicherlich möglich ist.
Anhand der Seriennummer 18237 müsste das Instrument ziemlich genau aus dem Jahr 1941 stammen.
Hier sind die konkreten Ausstattungsmerkmale, die ich bis dato sicher feststellen konnte:
• Grunddaten: Tenorsaxophon mit JKG Logo.
• Seriennummer: 18237 (an der Mechanik konnte ich die Nummer als "Matching Numbers" bislang an drei verschiedenen Bauteilen entdecken).
• Tonlöcher: Gebördelte Tonlöcher (Rolled Tone Holes).
• S-Bogen: Ausgestattet mit einem Microtuner.
• Applikatur: Insgesamt 13 Perlmutt-Einlagen und 7 Rollen.
• Gravur: Der Schallbecher ist wundervoll und extrem aufwendig graviert. Es wurden keine Mühen gescheut: Alle Flächen der Formen sind durch hunderte oder tausende kleine Wellen schattiert – ein Detail, das ich so bis dato noch bei keinem anderen Objekt finden konnte.
• Stempel: Es trägt trotz des späten Baujahres 1941 noch den Export-Stempel „Made in Czechoslovakia“.
• Polsterung: Bei einer früheren Überholung wurde erfreulicherweise historisch korrekt auf Resonatoren verzichtet.
Meine Fragen an euch:
1. Welches Modell habe ich hier genau vor mir? Deuten der Microtuner und die aufwendige Gravur auf ein „Toneking“ oder eine spezifische Export-Variante hin?
2. Wie lässt sich der „Czechoslovakia“-Stempel zum Baujahr 1941 historisch einordnen? Lief der Export unter diesem Label damals tatsächlich noch weiter?
Ich bin sehr gespannt auf eure Einschätzungen und freue mich auf den Austausch!
Beste Grüße
Daniel
Dateianhänge
Toneking
Toneking
JKG Logo mit Seriennummer
JKG Logo mit Seriennummer
Frontansicht
Frontansicht
Nahaufnahmen Gravur
Nahaufnahmen Gravur
Rolled Tone Holes
Rolled Tone Holes

tobi
Beiträge: 703
Registriert: Mo 02. Feb 2015, 17:07

Re: Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Beitrag von tobi »

Hallo Daniel,

die SN 18237 wurde nicht mehr von Julius Keilwerth gebaut, sondern nach Kriegsende (sicherlich zwischen 1947 und 1950) in der Chechoslovakei, wie es auch auf dem Sax. eingraviert ist.

Mit Hitlers Machtübernahme wurde der Sudetengau zu Deutschland gezählt, daher kam eine Gravur CZ nicht mehr flächendeckend vor. Und alle Instrumente ca. ab der SN 17500 trugen durchgängig diese Herstelllungslandkennzeichnung. Es müssen also Nachkriegsinstrumente gewesen sein.

Im Netz steht geschrieben, dass diese Saxophone noch mit Hilfe der alten Werkzeuge von Julius Keilwerth gebaut worden sind - teils sogar durch sein altes Personal. Also kann man durchaus davon ausgehen, dass sich die Saxophone kaum von den früheren "echten" JKG Saxophonen unterschieden.

Ein Unterschied ist aber deutlich: der Gabelgriff, der bei JKG noch Standard beim Toneking Modell 1 war, entfiel beim AMATI Toneking. Genau so ein Instrument liegt hier vor.

Spielst du eigentlich selber Saxophon? Dann viel Spaß mit dem Instrument.

Beste Grüße, Tobi.

DanielK
Beiträge: 3
Registriert: Fr 13. Mär 2026, 13:19

Re: Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Beitrag von DanielK »

Hallo Tobi,
vielen Dank für deine Einschätzung! Ein spannender Gedanke, allerdings lassen mich das geschützte – und von Amati nach dem Krieg nicht mehr verwendete – "JKG"-Logo auf dem Becher sowie das extrem geringe Gewicht von nur 3250g doch stark an einer reinen Nachkriegsfertigung zweifeln. Gerade diese Leichtbauweise spricht für mich viel eher für die strikte Materialrationierung der Kriegswirtschaft um 1941.
Lass uns deine weiteren Punkte mal durchgehen:
Was den Schriftzug "Made in Czechoslovakia" betrifft: Ein solcher Stempel tauchte in dieser Zeit häufig bei Instrumenten auf, die für den Export bestimmt waren. Es ist also gut denkbar, dass es sich hierbei um Ware zur wichtigen Devisenbeschaffung handelte. Für den internationalen Markt galten damals ja oft ganz eigene Regeln, unabhängig von der Annexionszeit.
Was deinen Punkt zur Seriennummer angeht: Das ist eine wirklich interessante Überlegung. Bisher bin ich – gestützt auf die gängige Fachliteratur und nachdem ich mich wirklich durch etliche Fachforen (nicht nur dieses hier) gelesen habe – eigentlich davon ausgegangen, dass die reine Keilwerth-Produktion noch ein gutes Stück über die 17.500 hinausging. Wenn der Schnitt tatsächlich schon dort gemacht worden wäre, würde das den bisherigen Kenntnisstand ja ziemlich auf den Kopf stellen.
Dein Hinweis zum fehlenden Gabel-Es-Griff ist ebenfalls sehr aufmerksam. In der Kombination mit dem originalen JKG-Stempel und dem extremen Leichtbau könnte ich mir aber gut vorstellen, dass dieser Griff – vielleicht zur Materialersparnis oder als frühe Modernisierung für den Export – bei diesem Modell einfach schon vor dem Krieg weggelassen wurde.
Zu deiner Frage am Ende: Ich spiele selbst noch nicht, werde aber definitiv anfangen! Wir haben das Saxophon gestern im Musikhaus kurz angetestet – und obwohl mechanisch noch einiges gemacht werden muss, war das erste klangliche Ergebnis schon absolut beeindruckend.
Beste Grüße
Daniel

tobi
Beiträge: 703
Registriert: Mo 02. Feb 2015, 17:07

Re: Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Beitrag von tobi »

DanielK hat geschrieben:
Di 17. Mär 2026, 13:45

Was deinen Punkt zur Seriennummer angeht: Das ist eine wirklich interessante Überlegung. Bisher bin ich – gestützt auf die gängige Fachliteratur und nachdem ich mich wirklich durch etliche Fachforen (nicht nur dieses hier) gelesen habe – eigentlich davon ausgegangen, dass die reine Keilwerth-Produktion noch ein gutes Stück über die 17.500 hinausging. Wenn der Schnitt tatsächlich schon dort gemacht worden wäre, würde das den bisherigen Kenntnisstand ja ziemlich auf den Kopf stellen.
Hallo Daniel,
weil etwas andauernd im Netz und sonstwo wiederholt wird, muss es nicht richtig sein. So kann man sich halt täuschen (lassen).

Und zu 1941: Die Situation mit Hitler und Sudetendeutschland (nicht Czechoslovakia) hatte ich ja bereits beschrieben.

Viele Grüße,
Tobi.

PS: Google doch mal den Rechtstreit über die Namensrechte zwischen Amati und Julius Keilwerth in den 50ern. Dann kannst du ja nochmal Feedback geben.

DanielK
Beiträge: 3
Registriert: Fr 13. Mär 2026, 13:19

Re: Julius Keilwerth (Graslitz) Tenorsaxophon- Bj. 1941 (SN 18237) - Modelbestimmung

Beitrag von DanielK »

Hallo Tobi,
danke für den Hinweis auf den Amati-Rechtsstreit. Dass die Genossenschaft Amati nach der Enteignung ab 1945 die alten JKG-Stempel und das JK-Logo missbräuchlich weiterverwendete, ist historisch unbestritten.
In Bezug auf dieses konkrete Instrument sehe ich da allerdings ein paar offene Fragen:
1. Die Chronologie: Die Gründung von Amati im Herbst 1945 erklärt nicht die Seriennummer (18237), die nach bisherigem Konsens der Literatur in die Zeit um 1941 fällt.
2. Die Wirtschaftspraxis: Das Argument der politischen Geografie ("Sudetendeutschland" vs. "Czechoslovakia") blendet aus, dass "Made in Czechoslovakia" ein weltweit etabliertes Export-Prädikat war. In der strengen Materialrationierung der Kriegswirtschaft wurden solche wertvollen Prägewerkzeuge für den Export höchstwahrscheinlich schlichtweg weiter genutzt.
3. Das Gewicht: Das extrem reduzierte Gewicht von nur 3250g ist ein klassisches Indiz für die Materialknappheit und passt baulich perfekt in die strenge Kriegswirtschaft um 1941.
Mich würden zu dieser spezifischen Kombination aus Seriennummer, Gewicht und Export-Stempel auch die Meinungen und Einschätzungen der anderen Mitglieder interessieren. Wie seht ihr das? Habt ihr ähnliche Instrumente aus dieser Übergangszeit in euren Aufzeichnungen?
Viele Grüße,
Daniel

Antworten