HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

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BlackForest
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HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

Beitrag von BlackForest »

Hallo, ich bin mir nicht sicher, ob ich hier in der richtigen Kategorie bin; auf jeden Fall brauche ich Hilfe bei der Bestimmung eines Tenor-Sax.
Drauf steht 'Herdim, Warenzeichen, Made in US-Zone/Germany". Das Warenzeichen Herdim findet sich u.a. im dt. Patentamt und dürfte für Heinrich Hermann Dick, Markneukirchen stehen. Nach meiner Kenntnis war HH Dick kein Hersteller sondern Versender.
Nach Auskunft des Enkels, Dr. Rudolf Dick, hat sein Großvater bis Anfang 1960 in Markneukirchen Saxophone vertrieben. Der Sohn, Günther Dick, und Vater von Dr. R. Dick, hatte in der 1948 im bayerischen Metten (Niederbayern) gegründeten Firma lt. Aussage mit Saxophonen nichts zu tun - nur der Großvater. Das Warenzeichen 'Herdim' (wie es auf dem Saxophon zu sehen ist) war aber von Günther Dick für seine Firma DICTUM nach WWII eingetragen worden. Zur Firmengeschichte vgl. hier: https://www.dictum.com/unternehmen/firmengeschichte/
Die Frage ist: Wo und von wem wurde das Saxophon gebaut?

Einige Features (z.B. die Becher-Korpus-Verbindung oder der Kleinfingertisch LH) deuten auf F.X. HÜLLER, Graslitz, hin. Da es aber FXH nach 1945 nicht mehr gab und nach meiner Kenntnis weder Graslitz noch Markneukirchen in der US-Besatzungszone lagen, dürfte FXH als Hersteller ausscheiden.
Wer kann mir helfen, das Mysterium aufzuklären?
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Uwe Ladwig
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Re: HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

Beitrag von Uwe Ladwig »

… das ist eine spannende Fragestellung. Ich benutze seit Jahren die Japan-Sägen von Dick und hatte wohl gesehen, dass in der Vergangenheit auch Musikalien im Portfolio waren. Dass Saxofone vertrieben wurden, hatte ich nicht registriert.

Diese Art der Becherverbindung habe ich noch nie gesehen.

In den Sinn kommt mir die Firma Hammerschmidt, die nach dem Krieg in Burgau ansässig war. Die Saxofone von dort sehen nach meiner Erfahrung alle etwas anders aus. Diese „Bastel“-Becherverbindung würde reinpassen. Die Drückerplatte für G#C#HBb sieht bei einem späteren Hammerschmidt-Tenor sehr ähnlich aus (siehe Foto).

Die Tonlöcher scheinen aufgelötet zu sein - in Ermangelung entsprechender Zieh-Werkzeuge hatte auch Keilwerth nach der Vertreibung die ersten Saxofone so gebaut. Das passt also in die erste Zeit nach dem Krieg.

KlingsoR-Saxofone wurden meines Wissens erst ab den 1950er-Jahren gefertigt.

Allerdings finde ich keinen Hinweis, ob Burgau Besatzungszone der Amerikaner war. Ich vermute es im Moment nur.

Herzliche Grüße

Uwe
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BlackForest
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Re: HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

Beitrag von BlackForest »

Hallo Uwe, danke für die Rückmeldung

Ich möchte nochmal ausdrücklich darauf hinweisen, daß laut Aussage von Dr. Rudolf Dick, dem ehemaligen geschäftsführenden Gesellschafter von DICTUM und Enkel von Hermann Heinrich Dick, die Firma DICTUM und sein Vater Günther Dick, in der Zeit ab 1945 in Niederbayern nie etwas mit Saxophonen zu tun hatte - außer daß sie das gleiche Markenzeichen verwendeten und beim dt. Patentamt eintragen ließen, wie es auf dem Becher des Tenor-Sax eingraviert ist. Lediglich der Großvater, Hermann Heinrich Dick, Markneukirchen, soll bis 1960 unter dem HERDIM-Label Saxophone vertrieben haben.

Die Art der Becherverbindung ist nach meiner Einschätzung klar von FXH, u.z. ab Ende der 30er bei den WORLD-Serien, wo auch das Menge-Patent realisiert und als copyright unter der rechten Daumenauflage angegeben ist. Selbst bei einem FXH-Stencil Tenor für HESS von ca. 1940 findet sie sich (vgl. Bilder); in deinem Kompendium sind im Kapitel HESS noch die alten Formen abgebildet, die FXH zuvor verwendet hatte. Und selbst bei den späten CHAMPION-Modellen findet sich als Becherverbindung das V, dann allerdings nicht mit dem eingelöteten Ring sondern mit Quersteg.

Hammerschmidt wäre eine Möglichkeit. Allerdings schließt sie sich für mich aus folgenden Gründen aus:
1. Mit Gründung der BRD in 1949 gab es auch keine offiziellen Besatzungszonen mehr, obwohl von allen Siegermächten in ihren vorhergehenden Besatzungszonen noch Truppen stationiert waren. Warum sollte also ein Hersteller ohne Not "Made in US-Zone" auf sein Produkt gravieren und nicht MADE IN GERMANY?
2. Nach meiner Kenntnis fertigte HAMMERSCHMIDT erst ab den 50er Jahren 'KLINGSOR's' in Burgau. Das gezeigte HERDIM Tenorsax dürfte aber zwischen 1945 und 1949 hergestellt worden sein, weil danach gab es keine US-Zone mehr und ab da 'Made in Germany' (vgl. unter 1.)
3. Die ersten Hammerschmidt-Saxe aus Burgau hatten noch geteilte Becherklappen; das gezeigte Sax hat aber die Becherklappen rechts, u.z. so, wie die späten FXH-WORLD-Modelle aus Ende der 30er bzw. 40er Jahre.
Dass die Drückerplatte des pinky clusters LH bei dem späteren Hammerschmidt-Tenor ähnlich aussieht, dürfte nicht verwundern, da diejenigen der FXH-WORLD-Modelle offenbar Pate gestanden haben.
Aufgelötete Tonlochkamine waren wohl aus der Not geboren bei allen vertriebenen Herstellern und Mitarbeitern aus dem Sudetenland ab 1945 die einzige Möglichkeit, da ihre Werkzeuge und Anlagen in der alten Heimat zurück geblieben waren - insbesondere ab 1945 bis Mitte der 50er. Lediglich bei einem von AMATI hergestellten KOHLERT-Tenor aus 1947-48 hatte ich die gebördelten Kamine feststellen können.

Ganz Bayern, Franken, Nord-Würrtemberg, Nord-Baden und Hessen u.a. waren ab 1945 amerikanische Besatzungszone. Damit hatten praktisch alle wichtigen vertriebenen Protagonisten (außer Max Keilwerth, Trossingen, bei HOHNER) genau da ihre neue Heimat und Standort gefunden - auch HAMMERSCHMIDT in Burgau (Schwaben). Sowohl für Julius Keilwerth in Nauheim, für Kohlert in Winnenden, für Richard Keilwerth in Gelnhausen, Kohlert in Winnenden - aber auch für Ernst Modl in Neustadt bzw. Diespeck/Aisch (letzter Geschäftsführer von FXH vor der Vertreibung, EMO) als auch für Kurt Glass, Puchheim/München (ehem. Inhaber von HESS Nachf., Klingenthal) galt somit im Prinzip MADE IN US-ZONE/GERMANY.
Und dann gab es da ja auch noch die vielen ehemaligen, vertriebenen Mitarbeiter und Meister aus dem Sudetenland, die das Know How und die Fähigkeiten hatten, ein solches Saxophon zu bauen, falls sie die Chance und das Material dafür erhalten hätten.

Ich persönlich würde von den Merkmalen her KOHLERT, HOHNER und JKW ausschließen; HAMMERSCHMIDT halte ich für unwahrscheinlich.
Es muß da möglicherweise noch jemanden geben mit stärkster Affinität und Verbindung zu F.X. HÜLLER und der WORLD-Serie.
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BlackForest
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Re: HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

Beitrag von BlackForest »

... hier noch die fehlenden Vergleichsbilder zum FXH-Stencil HESS-Tenor aus der WORLD-Serie ...
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BlackForest
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Re: HERDIM-Saxophon - wer hat's gebaut?

Beitrag von BlackForest »

Weitere Recherchen (Achive Graslitz) haben gezeigt ...
Graslitz (und praktisch der ganze Musikwinkel, inkl. Markneukirchen und Klingenthal) wurde am 7. Mai 1945 von den Nazionalsozialisten befreit und von der US-Army besetzt. Artikel 12 des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 sah die "geordnete und menschliche" Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn vor, also auch aus dem Sudetenland und Graslitz.
Die US-Truppen verließen Graslitz und die sächsischen Gebiete gemäß dem Potsdamer Abkommen im November 1945; Graslitz unterstand somit wieder der (vorläufigen) tschechischen Staatsgewalt und die sächsischen Gebiete wurden sowjetische Besatzungszone.

D.h., das oben gezeigte Instrument mit der Gravur "HERDIM, WARENZEICHEN, MADE IN US-ZONE/GERMANY" hätte theoretisch im Zeitraum von Mai bis November 1945 als Stencil von F.X. HÜLLER entweder am Stammsitz in Graslitz oder in einer der Niederlassungen in Markneukirchen oder Klingenthal gefertigt werden können. Gegen das Stammwerk in Graslitz sprechen die aufgelöteten Tonlochkamine; hätte man Zugriff auf den Maschinenpark gehabt, so hätte man mit hoher Wahrscheinlichkeit die gebördelte Variante gefertigt.

Die Recherche beweist allerdings nur, daß Graslitz und Umgebung nach dem Ende des WWII eine zeitlang von der US-Army besetzt war. Ein Beweis, daß das HERDIM-Sax in Graslitz oder Umgebung gebaut wurde, gibt es bisher nicht. Bayern, Nord-Württemberg, Nord-Baden, Hessen, u.a., gehörten ebenfalls zur US-Zone. Der Hersteller des HERDIM-Sax bleibt weiter im Dunkeln.

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